Haltung und Bewegung

Wenn wir noch auf allen Vieren herumliefen, wäre es einfacher, koordiniert vorwärts zu kommen. Das Aufrichten zum Stand vor ca. 3 Millionen Jahren hat erhebliche "Umbauten" sowohl im Gehirn als auch am Körper notwendig gemacht. Ein für das Klettern angepasster Körper kann sich eben nicht "so geschwind" weitgehend aufrecht und dabei auch noch stabil bewegen.

Ausnahmen gibt es jedoch auch heute noch: 
Es ist nachvollziehbar, das man unter einer "normalen Haltung" unterschiedliche Auffasung haben kann, aber:
Die Tätigkeit, sich ständig gegen die Schwerkraft "zu stemmen", verlangt eine ausgefeilte Balance der Muskelketten, der Faszien und des knöchernen Halteappaarates.
Jedoch sind die Gelenke zueinander seitens der Erbanlagen genau festgelegt. Dies gilt auch für die Muskelansätze und -verläufe, die Sehnenverläufe, die Faszienanordung etc.
Diese Annatomie ist bei allen Menschen weitgehend gleich, es gibt somit nur eine geringe Varianz, was "normal" sein kann.

Für die Mitteleuropäer sind dies die im Folgenden beschrieben Kriterien:
Um eine normale Haltung zu erreichen verwendet  das Gehirn und der Körper seine neurophysiologischen Informationsquellen und zwar

So kann ein Mensch, der eine Treppe hochgehen kann, auch eine Leiter besteigen. Wenn er die Leiter besteigen kann, kann er auch einen Berg, einen LKW oder Baum hoch klettern etc.  Anders ausgedrückt: Kann ich stehen, dann kann ich auch laufen, denn das Laufen ist eine Abfolge von verschiedenen Standmomenten, die man sich ja als Kleinkind erworben hat.

Nur dürfen wir genau deshalb nicht übersehen, dass gerade die Phase der Kleinkindentwicklung entscheidend ist für die späteren Fähigkeiten, das Leben zu meistern, sich in allen "Lebenslagen" schnell zurecht zu finden oder sich neu anzupassen. Ohne Übung in der Kleinkindheit sind die Verhaltens- und Verarbeitunsgfähigkeiten nur begrenzt und können im späteren Leben nie mehr 100%-ig gut werden.

     

Bildquelle (überarbeitet durch v. Rolbeck): Bricot, Grundausbildung Posturologie: Die Korrelationen, 2011


Im Alter von 9 bis 12 Monaten wird aus den Vorübunge 'halten, ziehen, drehen, anfassen etc.' das gezielte "Über-kreuz-krabbeln = cross-crowl". Nun wird die  3-Eck-Stabilisierung ständig in kleinen Abwandlungen geübt. Aus den oft kaum sichtbaren  Bewegungsveränderungen entstehen immer neue Bewegungsmuster, die miteinander kombiniert eine Fülle von Bewegungsmöglichkeiten ergeben.  Dies ist vergleichbar einem Maler, der aus den drei Grundfarben Rot, Gelb und Blau einige Millionen Farbnuancen herstellen könnte.

Die Lateralisierung der Hemisphären - die rechte Gehirnhälfte ist für die linke Körperseite zuständig, die linke Gehirnhälfte somit für die rechte Seite - bedingt diese Bewegungsmuster. Die Verbindungen im Gehirn, insbesondere der quere (=interhemisphärische) und der diagonale Faserverlauf (zur anderen Körperseite hin) sind zwar bei der Geburt angelegt, müssen aber nun ausgebildet werden und reifen. Also geht alles durch die Gehirnsteuerung immer auf die Gegenseite und der Ausgleich zwischen den beiden Seite muß ständig ergänzend geübt werden. Die rasche Anpassungsnotwendigkeit beim Krabbeln und Spielen fördert gleichzeitig die Hirnplastizität. Nach und nach wird nun die zunehmend aufrechte Haltung - das Aufrichten - selbstverständlicher. Hierbei wird während der motorischen Handlung zunehmend von verschiedenen Ebenen des Nervensystems die jeweilige erreichte Position automatisierter stabilisiert, dies ist die Reaktionsfähigkeit der Haltung.  

Weshalb entstehen nun diese Über-Kreuz-Bewegungen?

Je komplexer die Bewegungen und Haltungsmomente werden, um so mehr müssen Automatismen eingreifen, um diese zu stabilisieren und überhaupt zu ermöglichen.
Das Durchdenken und Ausführen einer Bewegung im Vorfeld wäre viel zu kompliziert und würde das Gehirn völlig überlasten. Stellen Sie sich einmal vor, Sie würden gehen, und müßten sich die Nase putzen.Gleichzeitig merken Sie, dass Sie auch noch heftig niesen müssen. Nun korrdinieren Sie diese unterschiedlichen Vorgänge durch Planen und Denken und gehen aber dabei im selben Tempo weiter - es wird nicht klappen. Nun ist es möglich - in der Kosequenz der dargestelltenZusammenhänge - zu verstehen, dass bei einem Kind, das irgend ein schwaches Bewegungsmuster hat, nicht dieses Muster "eingeübt" bekommen sollte. Im Gegenteil, die Therapie muß zuerst an dem entsprechenden Haltungsmuster, das ja die Grundlage der Bewegung ursächlich ist, ansetzen.  
Beispiel: aus dem Cross-crowl entwickelt sich ganz selbstverständlich die Fähigkeit zu hämmern. Mehre bis dahin kaum geübte Bewegungsmuster fließen jetzt zusammen und nach kurzer Übungszeit "sitzen" sie und werden in der Regel auch nicht mehr verlernt.

Wer einmal Fahrradfahren als Kind gelernt hatte, kann es auch nach vielen Jahrzehnten spontan wieder tun.

   

Bildquelle (überarbeitet durch v. Rolbeck): Grundausbildung Posturologie: Die Korrelationen, 2011

 

Die normale Haltung und ihre Kriterien

 In der Posturologie wird die normale Haltung durch die drei Ebenen im Raum festgelegt. Das Vermessen erfolgt also in der Frontalebene (Anschicht von vorn/hinten, Bild links), der Sagittalebene (Ansicht von der Seite, Bild rechts) und der Horizontalebene (Bild in der Mitte, oben).

   

Bild links: 260388(at)Aliencat_fotolia(dot)com, 2012,  verändert v. Rolbeck
Bilder mitte:Bricot , La Reprogrammation Posturale Globale, 2009, verändert v. Rolbeck

Bild rechts: 3911785(at)AlienCat_fotolia (dot)com, 2012, verändert v. Rolbeck

 Erläuterung:

  1 - Pupillenachse, 2 - Kiefergelenksachse, 3 - Mundwinkelachse, 4 - Schulterhöhe, 5 - Mamillenachse, 6 - Beckenkammachse, 7 - Prozessus styloideus ulnae-Achse, 8 - Patellarachse, 9 - Sprunggelenkssachse

 A - Abstand vom Lot (Schulterblätter-Gesäß) 2  Querfinger, B - Abstand vom Lot 3-4 Querfinger, C - Abstand vom Lot 2-3 Querfinger

 
Abweichungen von den als normal definierten Maßen für Mitteleuropäer ziehen Rotationen der Schultern und des Beckens, Schiefhaltung des Kopfes, Muskelverspannungen, Fehlbelastungen von Gelenken, Knochen und Faszien nach sich. Durch die Muskel- und Faszienketten, die sich vom Schädel bis zu den Füßen nachweisen lassen, kommt es zu Störungen nicht nur am Ort der Fehlspannung sondern auch weit davon entfernt.
Die Forschung wies nach, dass in der Folge auch Mikrozirkulationsstörungen und neuromuskuläre Fehlspannungen entstehen können.