Eine kurze Zeitreise zum Verständnis der Posturologie

Im Altertum, ob nun in Ägypten, Griechenland oder Rom bestand das Bestreben nach einem idealen Körper und Sport in der Arena oder auf der Wiese - heute Fitnessclub.
Die Körperhaltung steht schon immer aufgrund anhaltender Pobleme der Menschen mit Schmerzen im Rücken, in den Füßen... zentral im Mittelpunkt.

René Descartes, in 1650 :
"Zur Erforschung der Wahrheit bedarf es notwendig der Methode" (aus den Regeln zur Leitung des Geistes).
Seine Vorstellung der Nervenleitung und Körperreaktion läßt sich sehr gut an folgendem Bild nachvollziehen. Das Feuer am Fuß (Reiz) zieht gleichsam an einem Faden, der im Gehirn „Lebensgeister“ freisetzt, „so wie das Ziehen an dem einen Ende der Kordel die Glocke läuten lässt“. Die Lebensgeister strömen ihrerseits in die Muskeln, die den Fuß zurückziehen helfen (Reaktion).
Für ihn bestand eine sichere und vollständige Trennung zwischen dem Geist (Gehirn) und dem Körper, was seither als der cartesische Dualismus bekannt ist.

  

Quelle: N.B.M. Olah, Das Reaffarenzprinzip als Kompensationsstrategie in der Kybernetik, Düsseldorf 2001, S. 10


Im 18.- bis um 19. J.H. untersuchte die Forschung die Hintergründe und Funktionsweise um unsere aufrechte Haltung zu erklären:

Von Beginn des 19. Jahrhunderts versuchte Charles Bell (1774-1842) ein wesentliches Problem der Posturologie bereits 1833 zu lösen:

Wie kommt es, dass stehender ein Mann, sich so gegen den Wind beugen kann ohne umzufallen?

Er nahm an, dass dieser Mann wohl die Fähigkeit besitzt, sich der Situation anzupassen und seine Haltung entsprechend zu korrigieren.
Charles Bell (1811) hatte die Verbindung der peripheren Nerven mit speziellen Gehirnzonen entdeckt und stellte in diesem Zusammenhang die These auf, dass am Rückenmark die hinteren Spinalnerven sensorische und die vorderen motorische Funktionen haben. Diese These wurde dann 1822 von Francois Magendie (1783-1855) bestätigt.


Das Haltungssystem – der 6. Sinn?

Für Bell schien es einen sechsten Sinn zu geben, der sich im Raum zwischen dem Bewussten und dem Unbewussten befinde: Dieser Sinn würde die Koordination von Bewegungen auf unbewusster Ebene steuern.

“Ich nenne dieses Bewusstsein für die Muskeltätigkeit einen sechsten Sinn. Wenn ein Blinder aufrecht steht, mit welchen Mitteln behält er dann seine aufrechte Position bei? Ganz offensichtlich hat er einen Sinn für das Ausmaß der Aktivität seiner Muskulatur. Wir stehen, indem diese Fähigkeit so gut ausgeübt wird und die Muskeln aufgrund von Gewohnheit so genau gesteuert werden, dass wir nicht wissen, wie wir stehen. Versuchen wir aber, auf einem schmalen Sims zu gehen, werden wir dafür aufmerksam; was die Muskeln tun zeigt sich vergrößert und deutlich.
Quelle: Cole, J., Edition Sehen & Bewegen • Online-Artikel Nr. 3,: „Ein Leben ohne Propriozeption und Berührungssinn“, aus dem Englischen übersetzt von Gisela Weise, Dez. 2006, © 2006 Meinrad Rohner

In der Realität machen wir viele Bewegungen unbewusst, jedoch können wir sie aber doch auch bewusst erleben und kontrollieren.
Zusammen mit anderen Forschern waren  bereits im 19. Jahrhundert die Rolle der meisten Sensoren, die für die Aufrechterhaltung der aufrechten Position beitragen, entdeckt worden:

1828 zeigte Flourens die Bedeutung des Gleichgewichtsorganes

1837 bemerkte Bell: „Wie vermag der Mensch gegen den Wind, der gegen ihn bläst, eine gerade oder geneigte Haltung beizubehalten?  Er besitzt offenkundig einen Sinn, mittels dessen er die Neigung seines Körpers erkennt und der in der Lage ist, alle Abweichungen von der Senkrechten zu justieren und zu korrigieren“

1853 beobachtete Romberg, dass Haltungsschwankungen ausgeprägter sind, wenn die Sicht verdeckt, aber auch wenn die Auftrittsfläche der Füße reduziert wird

1860 konnte Karl Vierordt eine Zusammenhang des in aufrechter Haltung befindlichen Körper mit der Wirkung der Schwerkraft in Verbindung bringen

1861 erläuterte Longet die Bedeutung der Eigenwahrnehmung der paravertebralen Muskeln

1890 gründete der Arzt Karl Vierordt in Berlin die erste Posturologie-Schule

Im 20. J.H. bis heute können wir dann durch neue Messverfahren und dem zunehmenden Verständnis des  Nervensystems erhebliche Fortschritte in der Haltungsmedizin, der Posturologie verzeichen:

1911 bemerkte der Mediziner Ewald Stier die Bedeutung der unterschiedlichen Muskelqualitäten (das schwächere Bein, die schwächere Hand, Koordinationsstörungen) im Rahmen seiner umfassenden Untersuchung der Linkshändigkeit

1916 anerkannten französische Neurologen um Pierre Marie zum ersten Male die Existenz einer Erkrankung des Haltungsapparates.

Trotzdem musste man auf die 50-er Jahre des 20.J.H.warten, bis wieder die Posturologie neue Impulse bekam:

1955 Dr. Baron, Labor Posturographie Ste-Anne in Paris, eine Dissertation über die Bedeutung der äußeren Augenmuskeln für die Haltungs-Situation.

Otis Kendal definiert die Haltung als einen zusammengesetzten Zustand aller Positionen der Gelenke des Körpers zu einem bestimmten Zeitpunkt.

1970 hat Louis M. Nashner über das System der posturalen Kontrolle seine Dissertation „Sensory Feedback in Human Posture Control“ veröffentlicht. Die von ihm entwickelte notwendige Meßapparatur konnte die Bewegungen des Schwerpunkts des Probanden ermitteln und ist somit der Vorläufer der modernen Stabilometerplatten. (nachfolgende 2 Abbildungen aus seiner Dissertation von 1970)

  

                       Beim Messen der Schwerpunkständerung             Messplatte - der Vorläufer unserer modernen Messverfahren  

1980 Der portugiesische Arzt Dr. Da Cunha beschrieb erstmalig ein "Haltungs-Mangel  Syndrom".
1994    António Damásio postuliert eine unauflösbaren Zusammenhang zwischen Körper (und letztlich damit auch die Haltung und Bewegung) und dem Geist, die sich ständig gegenseitig beeinflussen. Dazu benannte er die Schicksale von zwei Personen:

Phineas Gage:
1848 wird Phinas Gages, damals 25-jähriger Vorarbeiter bei einer Eisenbahngesellschaft, Opfer einer Sprengung im Rahmen der Verlegung von Schienen. Es bohrte sich eine 6 kg schwere, 1,10 m lange und 3 cm dicke Eisenstange mit einer Spitze von 6 mm von unterhalb des linken Wangenknochens bis zu den vorderen Schädelknochen durch Gages Schädel und fliegt danach noch 30 m weiter. Es entsteht eine ca. 4-5 cm große, kraterförmige Wunde. Trotz des offensichtlich schweren Unfalls ist Gage während der gesamten Zeit bei Bewußtsein. Er ist in der Lage, über den gesamten Hergang des Unfalls zu berichten und überlebt ihn. Seine Verletzung heilt innerhalb von zwei Monaten, nur der Verlust des linken Auges ist körperlich irreversibel. Die Ärzte stellen keine Beeinträchtigung seiner Wahrnehmung, Gedächtnisleistung, Intelligenz, Sprachfähigkeit oder der  Motorik fest. Trotzdem kommt es in der Zeit nach dem Unfall zu auffälligen Persönlichkeitsveränderungen Gages': War er zuvor verantwortungsbewusst, besonnen, ausgeglichen und freundlich, erscheint er seiner Umgebung nun zunehmend ungeduldig, launisch, wankelmütig und respektlos. Darüber hinaus kommt es zu einer Störung seiner Entscheidungsfähigkeit: Er trifft Entscheidungen, die seinen Interessen offensichtlich zuwiderlaufen, er kann seine Zukunft nicht mehr vernünftig planen und erleidet als Folge einen beruflichen und sozialen Abstieg.

Das links Auge blieb nach dem Durchschlag durch die Eisenstange in sein Gehirn gelähmt. Das Bild links stellt die Situation unmittelbar nach dem Unfall dar. Rechts eine zeitgenössische Darstellung des Unfallopfers mit der Stange, die durch seinen Schädel und Gehirn geflogen war..

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 Bildquelle links: http://img.xatakaciencia.com/2008/08/PhineasGageFigura.jpg, geladen am 19.03.2012, 16 Uhr  

 Bildquelle rechts: ZVG, http://www.nzz.ch/nachrichten/forschung_und_technik/das_bildnis_des_phineas_gage_1.3522069.html

Eine Animation des Vorganges während der Explosion können Sie unter folgendem Link sehen: video.google.com/videoplayEine ausführliche Videodemonstration finden Sie unter: www.youtube.com/watch
Elliot:
Als einen „modernen Phineas Gage“ beschreibt Damásio einen seiner Patienten, dem aufgrund eines Tumors ein Teil des präfontalen Cortex entfernt wurde. Nach dem operativen Eingriff, veränderte sich auch Elliots Persönlichkeit radikal. Zwar kommt es auch bei ihm nicht zur Einschränkung von kognitiven, motorischen oder sensorischen Fähigkeiten, jedoch weist er eine empfindliche Störung seiner Entscheidungsfähigkeit und einen Mangel an Gefühlen auf. Bilder von Situationen, die ihn einst erregten, lösen nun bei ihm keinerlei Reaktionen aus.
Die Korrelation zwischen Gefühlsarmut und Entscheidungsunfähigkeit, führte zur Theorie der somatischen Marker, die António Damáso zusammenfaßte:

Die Vernunft hängt von unserer Fähigkeit ab, Gefühle zu empfinden,

Empfindungen sind Wahrnehmungen der Körperlandschaft, und 

der Körper ist das Bezugssystem aller neuronalen Prozesse.

(Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Ant%C3%B3nio_Dam%C3%A1sio)

Wir finden in der Posturologie (Haltungsmedizin) häufig Personen, bei welchen entweder die Lebensfreude, die Konszentrationsfähigkeit oder der Bewegungsspielraum bzw. mehrere Faktoren massiv gestört sind und somit eine deutlich reduzierte Lebensqualität haben. 
Wie schon der römische Schriftsteller Juvenal schrieb: Mens sana in corpore sano - sinngemäß: Ein gesunder Geist wohnt auch in einem gesunden Körper. (A healthy mind in a healthy body - un esprit sain dans un corps sain)

Zum Unterschied  zu den vorangegangenen Jahrhunderten, in denen die Wissenschaftler einen einzigen organischen Sinn (vergleichbar dem Auge oder Gleichgweichtsorgan) suchten, der das System lenkte, gehen wir heute von einem kybernetischen Ansatz aus, eine ganzheitliche Sicht auf unseren Körper.

Wir können uns den posturologischen Vorgang der Haltungsstabilisierung auch in der Bewegung ähnlich einem Computer vorstellen: Es gibt Eingangs-, Verarbeitungs-, Kontroll- und Ausgabefunktionen.
Eingangsinformationen geschehen durch sensorische Rezeptoren – Haut, Füße, Augen etc..

Die Verarbeitung des "Inputs" erfolgt ja nach Notwendigkeit in den verschiedenen Ebenen der Informationsverarbeitung über lange oder kurze Nervenbahnen und dem Gehirn.
Die Kontrollfunktionen übernehmen wiederum Gehirnfunktionen, welche die vorgesehene Haltung oder Bewegung hinsichtlich der Soll- und Ist-Situation abgleichen.

Die Muskeln, Sehnen und Gelenke/Knochen führen dann die Tätigkeit aus.
Während der Bewegung werden durch Rückkopplungen ständig neue Informationen wie beispielsweise die Veränderung des Bodens, ungleiche Treppenstufen etc. mit in die Programmierung der Bewegung eingefügt.
Es kommt somit zu konstanten Bewegungsabläufen, die auch mit Veränderungen leicht fertig werden.

Unter dieser Vorstellung entstanden Anfang der Achtzigerjahre die verschiedenen Theorien hinsichtlich der Posturologie, der Haltungslehre (Quelle www.antoniofimiani.it):

- das système postural fin von Dr. Pierre Marie Gagey, Arbeitsmediziner, der in Paris „Die französische Posturologie-Schule“ gründete und die Grundlagen der Stabilometrie, des Zweiges der Posturologie, der sich mit Gleichgewicht des auf den Füßen stehenden Menschen beschäftigt, legte.

- das système tonique postural von Dr. Bernard Bricot, Orthopäde, der in Marseille 1985 das „Collège international d’étude de la statique“ gründete und das Verhältnis zwischen dem Ungleichgewicht der Rezeptoren, die Asymmetrien beim Stehen auf den Füßen und chronische Schmerzen des Stütz- und Bewegungsapparats untersucht.

Beide Wissenschaftler sehen die Augen und die Füße als die hauptsächlichen Exterorezeptoren des Systems an.

 Grundlegende Forschungsergebnisse über die Haltung lieferte seinerzeit von J.P. Roll.

Zur gleichen Zeit begann in Lissabon Dr. Orlando Alves da Sylva, ein Augenarzt, gemeinsam mit Dr. Martin da Cuhna, die Veränderungen des posturalen Systems mit Hilfe von optischen Prismen zu untersuchen; heute hat die Schule von Dr. Da Sylva die besten Ergebnisse in Bezug auf Dyslexie erzielt.

Schließlich haben wir die Theorie von Dr. Michel Clauzade, der davon ausgeht, dass der Kopf der Ausgangspunkt der gesamten posturalen Organisation sei, wonach die Körperhaltung vom Gleichgewicht zwischen dem primordialen (kraniosakral-mandibulären) System und dem kompensatorischen peripheren Regulierungssystem (Gagey) abhängt.

Diese beiden Denkschulen versuchten zu verstehen, wie man das posturale System konditionieren könnte, um es wieder ins Gleichgewicht zu bringen und folglich Erkrankungen wie Schwindel oder posturale Instabilitäten zu behandeln. Dies stets im Hinblick auf neurologische Erkrankungen, jedoch ohne einen entsprechenden Befund. Es wird dabei kaum berücksichtigt, ob die Ursache auch in einer Erkrankung des Stütz- und Bewegungsapparats gefunden werden könnte. Bricot vermutete bereits seit 1983, dass das Ungleichgewicht des posturalen Systems den Erkrankungen des Stütz- und Bewegungsapparats zugrunde liegen könnte.

Aber es gab in der Literatur bis dahin kaum wissenschaftliche Belege, die diese These bestätigten. Durch intensive Forschungsarbeit mit verschiedenen Kollgen anderer Medizinrichtungen konnte er sein Programm der Golbalen Haltungskorrektur als ein sehr gut funktionierendes Werkzeug international etablieren.

Im Jahr 2000 begann Dr. Antonio Fimiani konsequent die Theorie von Bricot zu befolgen. Er nahm an, dass die verschiedenen Erkrankungen des Stütz- und Bewegungsapparats wie genu recurvatum, X-Beine, O-Beine, Plattfüße, skoliotische Fehlhaltung, Okklusionsstörungen oder die idiopathischen Skoliosen als Folge des Ungleichgewichts der Muskelketten angesehen werden können. Dieses Ungleichgewicht der Muskelkräfte führt reaktive Skelett- und Gelenk- sowie Knochenanpassungen und die daraus resultierenden Erkrankungen können somit mit bloßer Rezeptorentherapie behandelt werden. In den letzen Jahren konnte er auf Grund seiner umfassenden Statistik und Langzeituntersuchungen diese Theorie untermauern.

 Zusammenfassung

Die zahleichen Forschungen der letzten beiden Jahrhunderte haben im Prinzip ergeben, dass wir für unser Haltungssystem und dessen Anpassung verschiedene Rezeptoren (Eingänge oder Zugänge) haben. Die Informationen dieser Rezeptoren ermöglichen uns:

Die Posturologie ermöglicht es uns, solche Zusammenhänge zu erkennen und zu verstehen. Es werden die Abweichungen von der Normalität festgestellt und durch die Globale Reprogrammierung versucht, wieder den korrekten Haltungszustand zu erzielen.